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Klassische Musik und Oper von Classissima

Martha Argerich

Mittwoch 7. Dezember 2016


Crescendo

14. November

Revolution und Restauration in Salzburg - Warum Hinterhäuser Festspiel-Programm ein Zeichen der Zeit ist

Crescendo„Make Salzburg Great again!“ – Markus Hinterhäuser stellt das Programm 2017 vor und entpuppt sich als Obama der Kultur: Mehr Miteinander, mehr Eigenverantwortung, mehr nachdenken. Von Axel Brüggemann Es wird derzeit ja viel über Eliten, verkrustete Strukturen, über Lobbyisten und Systeme debattiert, die nur noch wenig mit dem zu tun haben, was die Menschen bewegt, über Seilschaften, Netzwerke und die Spaltung der Gesellschaft. Das Gute an der Kultur ist, dass sie – wenn sie aktuell ist – jene Welt, in der wir leben, widerspiegelt. Und, ja, es fällt nicht schwer, auch in der Kultur weltfremde Verkrustungen aufzuzeigen. Schaut man sich etwa die Salzburger Festspiele an, haben sie in den letzten Jahren genau jene Gegenwart wiedergespiegelt, gegen die derzeit so viele Sturm laufen: Eine Elite aus Showbusiness, Politik und Gesellschaft gibt sich ein sommerliches Stelldichein, man sieht und wird gesehen, gibt horrendes Geld für Karten aus und erwartet dafür, dass die abendlichen Vorstellungen bitteschön als nette Klangtapete dienen. Es war der Intendant Alexander Pereira, der dafür gesorgt hat, dass einer des spannendsten Festivals an diesen Punkt katapultiert wurde. Sein Salzburg war vor allen Dingen ein Laufsteg für den Intendanten selber, der es offensichtlich genoss, sich mit Prominenz zu umgeben und seine Sponsoren mit jener Kultur zu füttern, die er für geeignet erachtete: Schauspiel, Konzert und Oper, die vor allen Dingen schön sein sollten! Selbst seinem Interims-Nachfolger Sven-Eric Bechtolf war es nicht gelungen, diesen Status Quo zu ändern. Die Konsequenz: das Feuilleton und die interessierten Zuschauer verloren das Interesse an Salzburg. Der Strippenzieher Nun hat „Intendant Elect“, Markus Hinterhäuser, das Programm seiner ersten Salzburger Saison im Sommer 2017 bekannt gegeben (hier alle Veranstaltungen ). Es ist kein Geheimnis: Seit Jahren hat auch er Kultur- und Machtpolitik in den Hinterzimmern betrieben, Politiker und Journalisten in Salzburgs Cafés getroffen und sie darauf eingeschworen, dass die Salzburger Festspiele endlich revolutioniert werden müssten – und dass er der geeignetste Mann für diese Aufgabe sei. Mein Hinterstübchen-Treffen mit ihm fand in Wien statt, in der „China Bar“, in der er mir – bei allerhand Zigaretten und Bier – erklärt hat, was nun nötig wäre. Zunächst hat Hinterhäuser begonnen, über Leonard Cohen zu schwärmen („zu seinen Konzerten würde ich auf den Knien kriechen“), dann hat er durchblicken lassen, dass er das, was damals in Salzburg lief, für Totengräberei hielt und sich schließlich mächtig über den herrschenden „Kulturkonsum“ aufgeregt. „Wenn ein Publikum die ‚Kindertotenlieder’ hört und danach noch in der Lage ist, Champagner zu schlürfen“, regte er sich auf, „dann ist mit der Aufführung irgendetwas schief gelaufen.“ Hinterhäuser will keine Kultur als Soundtrack der Schicki-Mickis, seine Kultur, so erklärte er damals, soll verwirren, Ohren öffnen, schockieren, zum Neudenken herausfordern. Mit anderen Worten: Auch sein Salzburg soll politisch sein, aber nicht als Ort des Inzests, sondern als Location des freien Denkens. Schon vor zwei Jahren sagte er auf Bedenken, ob sein Programm überhaupt durchsetzbar sei – politisch und wirtschaftlich: „Wir leben in einer Welt, in der die Leute vielleicht mehr Fragezeichen vor sich hertragen als manche Politiker und Theatermacher es wahrhaben will. Die Zeit ist reif, daraus Kapital zu schlagen.“ Was er meinte: Die Kultur, die er anbieten will, sollte das Bestehende nicht bestätigen, sondern hinterfragen. Es hat ziemlich lange gedauert, bis die Zeit für Hinterhäuser reif war: Zunächst hatte er gegen Pereira verloren, dann verging noch einmal Zeit – nun, endlich, war auch das Salzburger Kuratorium bereit für den Wandel. Gerade noch rechtzeitig. “Make Salzburg great again” Hinterhäuser will „Salzburg great again“ machen, aber dafür setzt er nicht auf radikale Systemänderung, nicht auf despotische Revolution und vor allen Dingen nicht auf Provokations-Populismus. Er ruft eher „Yes, we can!“ und glaubt daran, dass das Festival gemeinsam mit dem Publikum – dem alten und dem neuen – wieder spannend werden kann. Hinterhäuser ist kein dogmatischer Revoluzzer, sondern ein Begeisterer für das Denken. Das hat er bereits als Chef der „Wiener Festwochen“ durchblicken lassen. Und genau davon erzählt auch sein neues Programm in Salzburg. Hinterhäuser gibt dem Establishment durchaus Zucker: „Aida“ mit Netrebko unter Leitung von Riccardo Muti – das hätte auch in den letzten Jahren auf dem Programm stehen können. Dafür muss sich das Publikum heuer aber mit der Lesart der iranischstämmigen US-Amerikanerin Shirin Neshat auseinandersetzen. Die Videokünstlerin kannte Verdis Oper nicht, als Hinterhäuser sie anfragte – aber sie war begeistert, Regie führen zu dürfen. Man darf eine vollkommen neue Lesart erwarten. Ähnlich publikumswirksam dürfte Domingos Auftritt in „I due Foscari“ sein. Aber dafür bietet Hinterhäuser dann eben auch Moderne für Herz und Hirn an. Er hat verstanden, dass Opern wie „Lady Macbeth von Mzensk“ (Regie: Andreas Kriegenburg, Dirigent: Mariss Jansons), „Wozzeck“ (William Kentridge und Vladimir Jurowski) oder „Lear“ von Reimann (Simon Stone, Franz Welser-Möst) längst Klassiker sind. Dass es durchaus ein Publikum gibt, das keine Angst mehr vor der Moderne hat. Also stellt er mit diesen Opern Stücke auf das Programm, die das Potenzial zur Verstörung haben, aber dabei immer auch an den sinnlichen Impuls appellieren. Ähnlich ist sein Schwerpunkt zu 450 Jahre Monteverdi aufgebaut: John Eliot Gardiner wurde beauftragt, die Modernität des Alten unter Beweis zu stellen. Hinterhäuser versteht es, das Entdecken zu einem Lustgewinn zu machen. Und das tut er auch bei den geladenen Künstlern: Klar, Theodor Currentzis für „Le clamenza di Tito“ einzuladen, ist vielleicht nicht besonders mutig, sondern eher ein sicherer Erfolg – aber es wird ein Mozart-Neulesen in Salzburg geben. Ähnlich mit den Orchestern, Dirigenten und Virtuosen, die Hinterhäuser für die Konzerte einlädt: Neben den Wiener Philharmonikern bekommt Currentzis’ „musicAeterna“ einen großen Raum, um seine Arbeit an Mozart zu untermauern, die Berliner Philharmoniker werden kommen und Pittsburgh. Beim Nachwuchs setzt Hinterhäuser zum Glück nicht länger auf Dudamels Venezuela-Propaganda mit dem „Simon Bolivar Jugendorchester“, sondern auf musikalisch glaubhaftere Ensembles wie das Gustav Mahler Jugendorchester (mit Metzmacher) und das West-Eastern Divan Orchestra (mit Barenboim). Ähnlich abwechslungsreich seine Solisten-Riege. Neben Anne Sophie Mutter (der Klassik-Klassikerin) hat Pianist Hinterhäuser folgende Klavier-Kollegen eingeladen: Schiff, Sokolov, Kissin, Levit, Uchida, Argerich und Pollini – das ist zum Teil bewährt, zum Teil spannend, zum Teil auch ein bisschen anbiedernd. Schade, dass Hinterhäuser nicht über seiner kleinen Fehde mit Rudolf Buchbinder steht und den Salzburger Publikumsliebling heuer nicht eingeladen hat – so hätte er ein Zeichen für Versöhnung setzen können. Dennoch: Hinterhäuser lädt wieder Klasse ein, echte Könner – Musiker, die Musik mit Denken verbinden und nicht mit purem Entertainment. Mitnehmen statt spalten Tatsächlich scheint es dem neuen Intendanten zu gelingen, Salzburg zwar nicht neu zu erfinden, sondern innerhalb der Konventionen an neue Grenzen zu führen. Und damit könnte sein Verständnis von Kultur durchaus auch als Modell für die wirklich wahre Welt dienen: Mitnehmen statt spalten, ernst nehmen statt lächerlich machen, besser machen statt meckern. Hinterhäuser gelingt es in seinem ersten Programm, das Stammbublikum nicht zu düpieren, es mitzunehmen. Anders als einst Gérard Mortier – der den Krieg gegen den Klunker geführt hat – verspricht Hinterhäusers Programm etwas Anderes: Die Vereinigung des Alten mit dem Neuen, das Mitnehmen aller, die auch nur das geringste Interesse an einer Kultur haben, die nicht allein als Tapete, sondern auch zum eigenen Denken anregt – ein Programm jenseits der Ideologie, in dem die Musik und die Könnerschaft die Hauptrolle spielt. Hinterhäuser geht es in seinem ersten Programm nicht um die pure Provokation, sondern um die Begeisterung, darum, Salzburg wieder spannend und etwas unvorhersehbarer zu machen, zu einem Ort, an dem die Tradition auf die Erneuerung trifft – und um dauernden Diskurs. Allein damit ist schon viel geschafft: Salzburg entblättert die Goldfolie und mischt die olle Mozart-Schokolade seiner Musik-Kugeln mit exotischen Gewürzen. Verstörend ist das nicht – spannend ist das allemal

nmz - neue musikzeitung

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Von Andreas Kolb Mangelsdorff & Mangelsdorff: Early Discoveries. SWR/JazzHaus JASH-459 +++ Mozart, Beethoven, Ravel, Prokofieff: Martha Argerich Early Recordings, Deutsche Grammophon 4795978 +++ Anat Fort Trio/Gianluigi Trovesi: Birdwatching, ECM 2382 Weiterlesen






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