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Klassische Musik und Oper von Classissima

Martha Argerich

Sonntag 20. August 2017


nmz - KIZ-Nachrichten

10. August

Barenboim dirigiert Konzert in der Waldbühne

nmz - KIZ-Nachrichten Berlin - Nach seiner Südamerika-Reise kehrt Daniel Barenboim mit seinem West-Eastern Divan Orchestra nach Berlin zurück. An diesem Sonntag (19.00 Uhr) spielt das Orchester bereits zum achten Mal in der Waldbühne zu seinem Sommerkonzert. Solistin am Klavier ist Barenboims langjährige künstlerische Partnerin Martha Argerich. Auf dem Programm stehen Werke der russischen Komponisten Michail Glinka, Dmitri Schostakowitsch und Peter Tschaikowsky, wie das Orchester mitteilte. Dem Orchester gehören junge israelische und arabische Musiker an. Zuvor waren die Musiker in Barenboims Heimatstadt Buenos Aires in Argentinien zu Gast. In den kommenden Wochen spielt das Ensemble auch in Salzburg, Luzern, Paris und London. In Berlin hat Barenboim, der auch Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden ist, im ehemaligen Kulissendepot des Opernhauses eine Akademie für das Orchester gegründet.

nmz - neue musikzeitung

10. August

Barenboim dirigiert Konzert in der Waldbühne

Berlin - Nach seiner Südamerika-Reise kehrt Daniel Barenboim mit seinem West-Eastern Divan Orchestra nach Berlin zurück. An diesem Sonntag (19.00 Uhr) spielt das Orchester bereits zum achten Mal in der Waldbühne zu seinem Sommerkonzert. Solistin am Klavier ist Barenboims langjährige künstlerische Partnerin Martha Argerich. Auf dem Programm stehen Werke der russischen Komponisten Michail Glinka, Dmitri Schostakowitsch und Peter Tschaikowsky, wie das Orchester mitteilte. Dem Orchester gehören junge israelische und arabische Musiker an. Zuvor waren die Musiker in Barenboims Heimatstadt Buenos Aires in Argentinien zu Gast. In den kommenden Wochen spielt das Ensemble auch in Salzburg, Luzern, Paris und London. In Berlin hat Barenboim, der auch Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden ist, im ehemaligen Kulissendepot des Opernhauses eine Akademie für das Orchester gegründet.




Crescendo

9. Juni

Das klassische Musikpublikum in Deutschland ist ein Wunder! Ein Gespräch mit Antonio Pappano

Er ist einer der gefeiertsten Operndirigenten der Welt, wurde mit dem ECHO Klassik und anderen Preisen regelrecht überschüttet und wird unter der Hand bereits als Nachfolger Kirill Petrenkos an der Bayerischen Staatsoper gehandelt. crescendo sprach mit dem britischen Musik-Superman. Freunde nennen Sie Tony, die Kritiker ein „Allround-Genie“, „Classical Music’s Superman“. Wie sehen Sie sich? Ich bin ein Sohn von Migranten. Die Arbeit stand immer im Vordergrund in der Familie. Sie war das Wichtigste im Leben. Manche sagen, ich sei ein Workoholic. Aber ich mache das, was ich liebe, und setze mich mit großer Leidenschaft dafür ein. Musik braucht sehr viel Energie, sehr viel Kopf und sehr viel Herz. Ich führe das Orchester der Royal Opera in London und ein Orchester in Rom, die Accademia Nazionale di Santa Cecilia. Beides braucht viel Kraft, mental, physisch und seelisch. Ob ich deshalb ein Superman bin? Ihr Vater, ein begabter Tenor, kam mit fünf Pfund in der Tasche und einem Koffer aus der Nähe von Neapel nach Epping nördlich von London, wo Sie geboren wurden… Ja, das ist wahr. Das war in den 1950-er Jahren. Wie wäre das heute? Das können Sie sich bei den heutigen Nachrichten ja vorstellen. Ich bin der größte Fan meiner Eltern, sie haben damals so viel riskiert! Ich glaube, ich habe solchen Mut nicht. Aber die beiden hatten ihn. Sie wollten ein besseres Leben. Sie hatten insofern Hilfe, als es hier in England auch weitere Italiener und Angehörige gab. Sie waren ein Vorbild für mich, ein Team, das immer zusammenhielt. Ihre Eltern gingen dann in die USA, nach Bridgetown, Connecticut, als Sie 13 waren. Meine Eltern waren rastlos. Meine Mutter hatte einen Schicksalsschlag in England erlebt, war deprimiert und wollte weg. Ihre Eltern lebten bereits in den USA und deshalb zogen sie dorthin. Was haben Sie von den unterschiedlichen Ländern mitgenommen? Ich musste mich immer anpassen. Britisch an mir ist vielleicht ein gewisser Pragmatismus. Und italienisch natürlich das Temperament. Aber meine Energie habe ich wohl aus Amerika, dieses typische Migranten-Arbeits-Ethos. Ich fand als Jugendlicher eine Klavierprofessorin, die sehr wichtig für mich wurde. In der Schule arbeitete ich mit einem Chor, einer Madrigalgruppe. Mit meinem Vater, der sein Geld unter anderem als Gesangslehrer verdiente, waren wir ein Team. Ein regelrechtes „family business“. Ich begleitete ihn und seine Schüler. Die Schule ging bis zwei Uhr. Dann ging es nach Hause, ein kurzes Mittagessen, und wir gaben bis fast neun Uhr abends Unterricht. Das war sehr hart, aber es war lebendig. Damals hat meine innige Beziehung zu den Sängern begonnen. Von FonoForum wurden Sie zum „Sängerflüsterer“ gekürt. Ja. Ich bin mit angehenden Sängern aufgewachsen. Ich kannte jede Opernpartitur, konnte fast jede Rolle nachsingen. Damals wusste ich nicht, wie wichtig das für mich werden würde. Heute weiß ich es, wenn ich jedes Wort von “La Bohème” kenne oder von “Madama Butterfly”. Es ist kompliziert, eine Kombination von verschiedenen Dingen, die eng miteinander zusammenhängen: Stimme, Atem, die Stimmtechnik des Belcanto und das Wort. Man muss ebenfalls eine Leidenschaft für den Text haben. Jede Sprache hat ihren eigenen und inneren Rhythmus, Deutsch, Russisch, Italienisch. Es kommt auf den natürlichen Fluss einer Sprache an. Die Sprache bringt den Dirigenten näher an den Sänger. Der Sänger hat Wörter. Der Instrumentalist nur Töne. Über Herbert von Karajan haben mir Sänger erzählt, dass er sehr fasziniert war von schönen Stimmen, sie in Rollen besetzte ohne Rücksicht allerdings darauf, ob der Sänger technisch und mental dem Repertoire gewachsen war. Inwiefern kann oder muss ein Dirigent die Sänger schützen? Das ist ein schweres Sujet. Opernhäuser brauchen natürlich das große Repertoire, und man ist immer auf der Suche nach frischen neuen Stimmen. Man „benützt“ diese Stimmen und wundert sich dann später, warum dieser Sänger nach einer gewissen Zeit so „abgesungen“ klingt. Die Sänger haben an erster Stelle die Verantwortung. Viele Sänger haben einen großen Ehrgeiz, wollen schnell berühmt werden. Und sie stehen auch unter großem Druck. Die Stimmbänder sind fragil und auch der Kopf, die Seele ist fragil. Das ist nicht einfach. Es gibt so viele Informationen und man weiß nicht, welche dieser Informationen soll man nehmen, welche soll man weglassen. Technisch und mental müssen Sänger ein stabiles Repertoire aufbauen. Das braucht Zeit. Und heutzutage gibt es sehr viel Ungeduld, alles muss schnell, schnell gehen. Das aber ist gegen die Natur der Stimmbänder und der Physis, der Seele. Sie selbst haben als Barpianist angefangen. Ich habe wirklich alles gemacht! Alles. Ich spielte in der Kirche Orgel mit meinem Vater. Begleitete verschiedene Chöre und Solisten. Dann in der Bar… Was lernt man als Barpianist vom Publikum? Man bekommt ein Gefühl für Stimmung, für Atmosphäre, die richtige Atmosphäre, die falsche. Ich habe damals immer die Popmusik verfolgt, mich sozusagen upgedatet, um all die Showtunes zu beherrschen. Ich bin übrigens immer noch nostalgisch. Ich liebe die Musical- und Broadwayklassiker aus den Vierzigern. … und die alten Sitcoms… Ja. ’Allo ’Allo!, Benny Hill, ich liebe sie! Wenn man mit der Oper zu tun hat, dann gibt es wenig Komödie. Es gibt eine Tragödie nach der anderen. Ich möchte einfach mehr lachen. Das Fernsehen hilft da sehr. Was ist musikalisch schwieriger, die Tragödie oder die Komödie? Sagen wir so: Die Komödie ist für einen Regisseur sehr schwer. Es ist wirklich schwer, Menschen zum Lachen zu bringen. Und auch musikalisch. Wenn es spritzig, nach Champagner „klingen“ soll, dann muss alles sehr präzise und sehr brillant sein. Bei der Tragödie muss der Kontrast stimmen. Bei Shakespeare kann man das lernen. Wenn die Dinge zu dunkel werden, bringt er eine komische Szene mit hinein als Übergang für den nächsten tragischen Moment. Es darf auch bei der Tragödie nicht nur Dunkelheit und Hoffnungslosigkeit geben, der Kontrast ist sehr wichtig. Den muss man immer in der Musik finden. Ein einzigartiges Kabinettstück musikalischen Humors ist „Der Karneval der Tiere” von Camille Saint-Saëns, das Sie jetzt mit seiner 3. Symphonie auf Ihrer neuen CD präsentieren. Das Klischee des Interpreten von klassischer Musik ist ja, dass alles ganz ernst ist. Das stimmt zwar einerseits, aber klassische Musik kann auch Freude bringen. Einerseits gibt es den Ernst Beethovens und seiner humanistischen Botschaft. Es gibt aber auch kindliche Musik, die gar nicht so einfach zu spielen ist. Man darf nicht vergessen, ein Kind zu sein. Passiert das mit Martha Argerich, die Ihre Partnerin auf der Aufnahme ist? Das war für mich eine ganz große Herausforderung. Ich habe nie mit ihr Klavier gespielt. Und sie geht wie der Wind, sie ist unglaublich schnell. Ich musste ihr hinterherrennen. Und dennoch war alles so easy und so natürlich. Auch wenn ich nicht jeden Tag Klavier spiele und sie eine der größten Pianisten der Gegenwart ist. Das war eine phantastische Zeit für mich. Ich habe viel über Selbstvertrauen gelernt. Man darf sich nicht immer fragen: Werde ich das alles schaffen? Einfach nur: machen und shut up. Wir haben uns prima verstanden. Ich habe ja meine Debüts der Klavierkonzerte von Tschaikowsky, Schumann, Prokofjew Nr. 3 und Liszt mit ihr gemacht. Und das nie vergessen. Sie arbeiten in Italien, in England und in Deutschland. Vor dem Brexit hatte die konservative Regierung Simon Rattle, der jetzt das London Symphony Orchestra übernimmt, einen Konzertsaal versprochen. Jetzt heißt es, das Projekt sei unrentabel. Ich denke, er wird dennoch kommen. Die City of London muss das finanzieren. Ein Konzertsaal ist sehr wichtig, weil London keinen wirklich guten Saal für das große symphonische Repertoire hat. Man braucht Zeit, diese Sachen zu realisieren. Das wird Jahre brauchen. Simon ist sehr stark, er schafft das. Wenn Sie den Musikbetrieb der unterschiedlichen Länder vergleichen… Das klassische Musikpublikum in Deutschland ist ein Wunder. Dieses kulturelle Interesse, diese Intensität des Hörens! Die Engländer lieben die Musik auch, sowie das Theater, die Oper, die Musicals. In Italien ist es ein bisschen komplizierter. Ich habe dort ein symphonisches Orchester, doch dort spielt die Oper eine größere Rolle. Dabei hat unser Orchester eine große Tradition. Wir müssen sehr kämpfen. Die Regierung sieht oft nicht die Bedeutung der Kultur für den Menschen. Wir haben keine Planungssicherheit, keine Stabilität. Das Publikum in Rom ist sehr konservativ, man muss alles sehr gut ausbalancieren. Dafür spielen wir in Italien jedes Programm dreimal. So etwas passiert in London sehr selten. Und im Hinblick auf die Oper? Italien hat den Stagione-Betrieb. Deutschland eher das Repertoiresystem. England ein Semistagione-Prinzip. Sie alle mit ihren Vor- und Nachteilen. Im deutschen Opernorchester gibt es zudem das Rotationsprinzip, man hat immer wieder andere Musiker vor sich. Das gibt es in England nicht. Es ist keine Kritik, es ist nur ein anderes System. Ich komme mit beiden Systemen zurecht. Der Operndirigent agiert ja meist vom Publikum kaum wahrgenommen, und wenn er dann aus dem Graben kommt am Ende des Stücks, wirkt er oft sehr erschöpft. Es ist sehr kompliziert, das ganze Gefüge zwischen Orchester unten und Sänger und Bühnengeschehen oben. Aber wenn man das Training dafür hat, dann ist alles möglich. Ich habe gerade zwei Produktionen am Laufen. Meistersinger am Mittwoch, gestern Madama Butterfly, und morgen wieder Meistersinger und dann am Montag Butterfly und Dienstag wieder Meistersinger. Das ist ein bisschen crazy. Also doch Superman? Der Kontrast zwischen beiden Stücken fasziniert mich. Aber mental und physisch ist das wirklich eine große Herausforderung. Die „Welt“ nennt Sie den „Tony Soprano des Klassikgeschäfts“, weil Sie medial auf allen Kanälen präsent sind. Sie sprechen die Kinoübertragungen der Opern an. Es ist toll, wenn viele Menschen die Oper jetzt für wenig Geld, von vielen Orten der Welt aus, erleben können. Bei einem Klang von sehr hoher Qualität. Das kann eine sehr berührende Erfahrung sein. Ein großer visueller Impact, der allerdings die Magie, das Live-Gefühl im Zuschauerraum nicht ersetzen kann. Im Kino sieht das Publikum durch die Close-Ups und Details aber auch, wie kompliziert der Beruf der Sänger ist. Sänger müssen also nicht nur bessere Schauspieler sein, sondern auch besser aussehen? Ja, wenn man ehrlich ist. Trotzdem finde ich: Es gibt Rollen und Rollen. Jede Situation ist anders. Es gibt keine Regeln. Was bedeutet denn schön? Die Kamera läuft also immer. Hat das Ihre Arbeitsweise verändert? Es gibt mehr zu tun. Die zusätzlichen Dokumentationen, Interviews, Worksessions und Making-Ofs. Das ganze DVD-Package lenkt oft vom Eigentlichen ab. Das nervt mich manchmal. Man will nur an die Musik, die Arbeit mit den Sängern denken und nicht an die Kameras und daran, dass alles dokumentiert wird. Ich habe mich zwar daran gewöhnt, bin aber nicht immer begeistert. Zum Abschluss der Saison steht am 28. Juni Verdis Otello mit Jonas Kaufmann auf dem Programm. Die Premiere kann in vielen Kinos live mitverfolgt werden. Für Jonas ist das ein Rollen-Debüt. Er hat viele Debüts mit mir gemacht: “Carmen”, “Tosca”, “Andrea Chenier”, “Manon Lescaut”. Ich bin sehr stolz darauf, dass er Vertrauen zu mir hat in dieser Etappe seiner Karriere. Die Partie ist ein großer Schritt für ihn. Über die Produktion darf ich nicht viel sagen. Für den Dirigenten ist die Kompaktheit der Partitur eine Herausforderung, man muss die Spannung halten vom ersten bis zum letzten Ton. Ich habe Otello oft dirigiert, aber es ist immer anders. Für den Sänger dürfte weniger der technisch-sängerische Aspekt die Herausforderung darstellen. Eher die psychischen Facetten der Partie. Otellos Eifersucht steigert sich allmählich, wird zur Besessenheit, und der Interpret muss diese Spannung, dieses Gewicht nicht nur ständig halten, sondern steigern. Können Sie noch einen Ausblick auf die Kinoproduktionen der Saison 2017/18 geben? Die Saison beginnen wir mit einer neuen “La Bohème”. Weiter im Programm: “Zauberflöte”, “Carmen”, “Rigoletto”, “Tosca” und “Macbeth” mit Netrebko im April. Letzte Frage an Superman: Wie fühlen Sie sich, wenn Sie morgens aufstehen und wie, wenn Sie abends ins Bett gehen? Bei beidem wie ein 80-Jähriger! Sobald ich gefrühstückt habe, aber wie neu geboren! Teresa Pieschacón Raphael



Crescendo

25. Januar

Gidon Kremer: Demokratischer König - Gidon Kremer

Der Geiger wird 70, seine Kremerata Baltica 20 Jahre alt. Gemeinsam haben sie nicht nur die Musik neu erhorcht, sondern auch die Welt ein bisschen besser gemacht. Als Gidon Kremer 1979 die Kremerata Baltica gründete, um begabte Musiker aus den drei jungen baltischen Staaten zusammenzuführen, war das ein Projekt für einen Sommer. Inzwischen dauert dieser Sommer zwei Jahrzehnte, und das Orchester steht für verlässlich warme, lichte Klangkultur und sensible Interpretationen oftmals unbekannter Werke. Den Stamm von rund 18 Musikern nennt Kremer „meine musikalischen Kinder“ – ihr Durchschnittsalter liegt bei 30 Jahren. Inzwischen sind viele neue Mitglieder hinzugekommen, andere sind weitergezogen, und Kremer stellt fest: „Auch wenn 20 Jahre vergangen sind: Der Geist der Kremerata ist bis heute der gleiche.“ Er weist weit über die Qualität der einzelnen Mitglieder hinaus, hat viel mit Hingabe zu tun, mit einer bestimmten Sicht auf die Musik. „Es geht nicht nur darum, Musik auf höchstem Niveau zu machen“, sagt Kremer. „Es geht mir vor allem um Offenheit, darum, aufgeschlossen zu sein – gegenüber Menschen, neuen Ideen und außergewöhnlichen Projekten.“ Das Ergebnis sei eine „wunderbare Mischung aus Erfahrung und Unschuld“, welche die Kremerata Baltica auszeichne. Kremer selbst nimmt als Leiter die Rolle eines „guten Königs“ ein, wie er sagt, agiert als Lenker und musikalischer Vater, hält die Fäden zusammen und sorgt für Disziplin. Dieses Jahr feiert der König ebenfalls Geburtstag – seinen 70. In gewisser Weise folgt Kremer als Künstler-König dem Vorbild einer der prägendsten Figuren auf seinem eigenen künstlerischen Weg, seinem Lehrer David Oistrach, bei dem er ab 1965 in Moskau studierte. „Oistrach war unglaublich tolerant und generös“, erinnert sich Kremer, und er habe ihm dabei geholfen, seinen ganz eigenen Stil zu finden. Der Name Gidon Kremer ist immer auch mit dem Streben nach Freiheit verbunden – in der Musik ebenso wie als politischer Mensch. „Ich wollte nie das Übliche, ich wollte mich nie einreihen“, sagt Kremer, dann räuspert er sich und fügt hinzu: „Ich weiß nur zu gut, was Druck von oben bedeutet.“ Als Sohn und Enkel zweier Geiger stand er von Beginn an unter großem Leistungszwang. „Mein Beruf war bereits vor meiner Geburt entschieden“, sagt der Geiger. Er wertet das nicht. Er stellt es fest. Aber dann lacht er rau auf. Irgendwann habe er die Entscheidung seiner Eltern auch für sich selbst getroffen: „Wenn ich schon gezwungenermaßen Geige spielen muss, will ich das bewusst zu meiner Berufung machen.“ Und das ist ihm auch gelungen. 1969 gewann er den Paganini-Wettbewerb, 1970 den Tschaikowsky-Wettbewerb, und schnell galt der lettische Virtuose mit der fesselnden Präsenz auf der Bühne und dem farbenreichen und innigen Spiel als führender Interpret seiner Generation. Gidon Kremer hatte sich freigespielt. Politisch musste er sich erst noch befreien. 1980 blieb er länger im Westen, als es ihm sein sowjetisches Visum erlaubte. Kremer entschied sich, nicht mehr in die UdSSR zurückzukehren. Auch das war der entschlossene Schritt eines Individualisten, der die kritische Selbstreflexion jedem zornigen Dogmatismus vorzieht und nie allein Musiker ist. Gidon Kremer ist in allem, was er tut, immer auch Humanist. Es gibt verschiedene Leitsätze, die Gidon Kremer im Laufe seines reichen Künstlerlebens für sich entdeckt hat. „Jeder Mensch muss respektiert werden für das, was er ist“, lautet einer. Oder: „Vertrau keinem, der weiß, wie es geht.“ Dabei ist Kremer eigensinnig im besten Sinne geblieben, ein steter Zweifler und unerschrockener Entdecker, den gerade jene Dinge reizen, die jenseits des glatten Mainstreams liegen. Zurzeit feilt er an einem Projekt mit dem Titel „Bilder aus Osten“. Es setzt sich auf ganz eigene Art mit der Flüchtlingskrise auseinander: Kleine animierte Steinskulpturen des syrischen Künstlers Nazir Ali Badr sind auf einer Leinwand zu sehen, während im Hintergrund Melodien aus dem Tierkreis von Stockhausen gespielt werden. Im Wechsel zu den Filmsequenzen erklingen außerdem sechs Klavierduo-Stücke von Robert Schumann, die Kremer für Kammermusikensemble arrangiert hat. So entsteht ein zärtliches, eigenwilliges und berührendes Gesamtkunstwerk – ein musikalisches Spiegelbild des Menschen Gidon Kremer. „Musik vermittelt Emotionen, doch sie tut weit mehr als das. Sie trägt den menschlichen Geist in sich“, sagt der Geiger, dem kaum etwas suspekter ist als Musik um des Vergnügens willen, der Showgebaren ohne Substanz bekämpft. Es erschüttert Kremers Musikverständnis bis ins Mark, wenn ein Name mehr als der Inhalt und die Qualität eines Musikers gilt. Reine Perfektion berührt ihn nicht, er sucht nach Persönlichkeiten, die seinen Anspruch an eine Musik jenseits der „nur schönen Töne“ teilen, Musiker wie Daniil Trifonov oder Dmitry Masleev. Im Laufe seiner Karriere hat Kremer mit unzähligen renommierten Musikerkollegen zusammengearbeitet und sich mit unterschiedlichsten Werken und Komponisten auseinandergesetzt. Fern der Dogmen und starrer Scheuklappen hat er sich leiten lassen von seinem Streben nach Offenheit, Persönlichkeit und Ehrlichkeit. Heute kann er auf zahlreiche außergewöhnliche Musikerlebnisse zurückblicken, wobei er überfordert abwinkt, wenn er gebeten wird, die besonders prägenden zu nennen. „Das ist unmöglich“, sagt er und hebt die Hände. „Da gab es so vieles: die Zusammenarbeit mit Bernstein und Harnoncourt, die Auftritte mit Martha Argerich, die Beschäftigung mit dem Alban Berg-Violinkonzert, den Bach-Sonaten, mit Astor Piazzolla.“ Im Laufe seines Lebens hat Kremer auch seine Klangzone ausgeweitet, stets auf der Suche nach unbekanntem Repertoire und unbekannten Komponisten wie Mieczysław Weinberg, der auch durch Kremers Interpretationen bekannt geworden ist. Gleich einem Schatzsucher spürt Kremer nach Werken, deren Geist ihn berührt. Habe er ein solches gefunden, könne er stur sein und durch Wände gehen, wenn es sein muss. Oft entstehen dann kunstvolle Projekte, die sich dem Schubladendenken und den Regeln der breiten Vermarktbarkeit entziehen, und nicht selten hat er diese selbst finanziert, um sie realisieren zu können. Erlebt man den Künstler auf der Bühne, zeugt sein Spiel von der kompromisslosen Hingabe eines Besessenen. Jeden Ton, jede Spannung und jede harmonische Wendung scheint er im Moment seines Spiels neu zu entdecken. Als leidenschaftlicher Interpret stellt Kremer seine ganze Kraft in den Dienst der Musik, meidet jede überflüssige Geste, scheint im Moment versunken und ist doch blitzwach. Oft steht er dann im langen weißen Hemd auf dem Podium, hält die Augen geschlossen und geht leicht in die Knie, bevor er mit ruhiger Bewegung den Bogen auf die Saiten setzt. Es ist eine innige, süß schmelzende Stimme, die er seinem Instrument schließlich entlockt: ein existenziell berührender Ton, der unter Kremers Händen fordern kann und aufbegehren, zärtlich liebkosen, fröhlich tänzeln und tief traurig weinen. Nun gäbe es allen Grund zum Feiern. Doch blumige Ehrungen liegen dem zurückhaltenden Skeptiker ebenso wenig, wie er sich mit einer wehmütigen Gesamtschau aufhalten möchte. „Was ist noch zu tun?“ Das sei die Frage, die ihn angesichts der zwei Jubiläen am ehesten umtreibe, und noch mehr als früher habe er den starken Wunsch, etwas zu vermitteln, sich mitzuteilen in Tönen und in Worten und die Menschen mit seiner Musik zu erreichen. Im Frühjahr erscheint eine CD mit Trios von Sergej Rachmaninow, außerdem wird es eine Einspielung der Kammersymphonien von Weinberg geben. „Das Feuer ist da in mir“, sagt Gidon Kremer. „Man sollte nie aufhören, sich zu wundern und andere zu überraschen“ – auch das ist einer der Schlüsselsätze von Gidon Kremer, und für ihn sei das der beste Weg, um im Jetzt zu sein und ganz aufzugehen in dem jeweiligen Tun. „Ganz bei sich zu sein – das ist es, worum es letztlich geht“, sagt Kremer. Dann verabschiedet er sich, eilt hinaus zur Tür. Es gibt noch viel zu tun. Dorothea Walchshäusl GIDON KREMER AUF TOURNEE 28.2.2017: Krün, Schloss Elmau 2.3.2017: Berlin, Philharmonie 4.3.2017: Regensburg, Universität 5.3.2017: Baden-Baden, Festspielhaus 7.3.2017: Neumarkt in der Oberpfalz, Reitstadel 8.3.2017: München, Philharmonie Gasteig 9.3.2017: Bochum, Anneliese Brost Musikforum Ruhr 5.4.2017: Hamburg, Elbphilharmonie 23.4.2017: Potsdam, Nikolaisaal Potsdam 24.4.2017: Bielefeld, Rudolf-Oetker-Halle 11.5.2017: Kronberg, tba 14., 15.5.2017: Stuttgart, Liederhalle „Preghiera“ Rachmaninov Piano Trios, Kremer, Dirvanauskaité, Trifonov (Deutsche Grammophon) Mieczysław Weinberg: „Chamber Symphonies, Piano Quintet“ Kremerata Baltica Gidon Kremer (ecm)

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